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Wie Genschers Urvater

Ein historischer Roman ist dann von Wert, wenn er mehr ist als die Summe seiner Teile. Die Teile, das sind die Situationen und Ereignisse, von denen er handelt. Darüber hinaus vermittelt ein gelungener historischer Roman aber Stimmungen, er lässt Krisen, Widersprüche und Glücksmomente mitempfinden, schafft auf diese Weise Zusammenhänge, also Sinn. Ralf Kurz‘ detailreiches Porträt des Ministers Johann von Hofenfels wird diesen Erwartungen gerecht. Der Autor verbindet verbürgte historische Tatsachen mit Alltagsfiktionen, die auf ihre Weise einsichtig machen, was sich vor 240 Jahren in der Saarpfalz und in Europa so zugetragen hat. Wir sind in der Zeit des Herzogs Karl II. August von Pfalz-Zweibrücken, eines sehr absolutistischen Herrschers über ein sehr überschaubares Fürstentum.

Freiherr von Hofenfels, Jurist, ist im Dienst von Karl II. August als Finanzplaner, aber auch als Diplomat unterwegs. Ralf Kurz beschreibt ihn so, wie es sich aus alten Dokumenten herauslesen lässt: pflichtbewusst und loyal bis zur Selbstaufgabe, galant und versehen mit dem Gen zur strategischen Kommunikation, geleitet von höheren Werten (Demokratie! Aufklärung!) und deshalb auch kritisch seinem zu Putz und Pomp geneigten Herrn gegenüber.

Ganz staatsmännisch will er verhindern, dass der Wittelsbacher Karl Theodor, Kurfürst zu München, Bayern zu großen Teilen an Österreich verhökert. Immerhin wird ihn sein Neffe Karl II. August eines Tages ja beerben können, und dann sollten Wittelsbacher Glanz und Gloria besser noch vorhanden sein. Theoretisch. Warum es anders kommt, führt Kurz auf reichlichen 500 Seiten plastisch vor Augen.

Dazu gehört, dass Hofenfels mit allen möglichen Kniffen versucht, ein Netzwerk gegen die Expansionsgelüste des Habsburger-Kaisers Joseph II. in Stellung zu bringen. Wie ein Urvater von Hans-Dietrich Genscher kutscht der Außenpolitiker standhaft zwischen Moskau, Paris, Potsdam und all den vielen kleineren Residenzen hin und her, und irgendwann kommt tatsächlich der „Fürstenbund“ dabei heraus, der die Lage stabilisiert und als Vorgänger des Deutschen Reiches von 1848 durchgehen kann. „Obwohl er zumeist im Hintergrund wirkte, war Hofenfels maßgeblich an der Entwicklung Deutschland und Europas beteiligt“, schreibt Ralf Kurz, der Interesse an diesem gewitzten Politiker fand, weil sein Gymnasium in Zweibrücken nach ihm benannt war.

Mit Hofenfels‘ Namen verbunden ist auch das Millionenprojekt Schloss Karlsberg, das zu seiner Zeit im heute saarländischen Homburg gebaut wird und nach dem Willen des Fürsten sogar Versailles in den Schatten stellen soll. Hofenfels, mit einem wachen Auge auf die Finanzströme, sieht die Dinge skeptisch, plädiert erfolglos für einen Baustopp, um das Herzogtum nicht an die Wand zu fahren - was ihm viel Feind‘, aber wenig Ehr‘ am Hofe einbringt. „Es muss sich doch ein Weg finden lassen, diesem Querulanten die Eselsohren aufzusetzen und ihn in die Ecke zu stellen“, zetert die prachtgewohnte Mätresse des Herzogs.

Ralf Kurz ist es gelungen, die komplizierten Verhältnisse nicht nur unter den Angehörigen der Hofgesellschaft, sondern auch unter den vielen kleinen und meist rivalisierenden Machtzentren von Ansbach über Braunschweig bis Darmstadt und Birkenfeld geduldig aufzudröseln. Es gibt Mobbing, Unterschlagung, Intrigen, Urkundenfälschung, Einbrüche. Die Faktenfülle könnte leicht ermüden, aber der Autor hat das Manuskript in viele kleine Episoden gegliedert, die ein Gesamtbild formen und es erlauben, die Spannung aufrechtzuerhalten, bis Hofenfels‘ Frau Riki am Totenbett sitzt: „Noch einmal atmete Hofenfels ein und aus. Wieder dehnten sich die Sekunden. […] Dann war ihr, als würde etwas ihre Nerven unmerklich zum Vibrieren bringen. Es war ein nie gekanntes, unwirkliches Gefühl.“


© Wolfgang Kerkhoff, 2020

 

Ralf Kurz: Der Diplomat, Schillinger Verlag Freiburg, 2008, auch als eBook in der Kindle-Edition

  

Der Autor stammt aus der Saarpfalz und lebt heute in Freiburg. Von ihm sind mehrere Romane und Krimis erschienen: www.ralf-kurz.de
Foto: © Ralf Kurz

 

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