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Fünf Fundstücke
 

Unregulierte Egos

Allurteile sind Sorgenkinder der Logik. Meistens falsch, immer anmaßend (natürlich auch dies ein Allurteil!). Unter Umständen aber auch schön. Ohne sie gäbe es wohl keine guten Aphorismen. Ein ebenso anrührender wie blasierter Merksatz ist Volker Weidermann im Spiegel 31/2020 gelungen, wo es um das Literaturarchiv Marbach und die emotionale Intelligenz von Philolog*innen geht: „Einige Leute glauben ja auch immer noch, dass Menschen, die sich beruflich mit Literatur beschäftigen, doch irgendwie empathischer, feinsinniger, besser sein müssten als andere. Eine groteske Fehleinschätzung. Natürlich ist das Gegenteil der Fall: Das dauerhafte, einsame Gespräch mit Büchern, die in der Regel nicht widersprechen, lässt unregulierte Egos ins Riesenhafte wachsen.“

 

Schlappe 120 Jahre

Manchmal können auch die ernsthafteren unter den Journalist*innen richtig drollig sein. „Ausgerechnet aus der SPD kommt der Ruf nach einem ‚Recht auf Homeoffice‘: Im Deutschen Kaiserreich kämpfte die Partei noch zusammen mit den Gewerkschaften für ein Verbot der Arbeit zu Hause.“ Das schreibt die „Zeit“ am 10.6.2020 über einen Artikel von Michael Sontheimer. Donnerwetter! Das Engagement der Sozialdemokrat*innen ist gerade mal schlappe 120 Jahre her, und es hat sich gesellschaftlich, sozialpolitisch und technologisch seitdem doch so gut wie nichts verändert!

In Windeln
In der „Zeit“ vom 20.5.2020 wird Paul Auster im Interview auch nach seinem Präsidenten befragt. Er stellt die Gegenfrage: „Haben Sie Kinder?“ Der Gesprächspartner Klaus Brinkbäumer antwortet „Ja“ und erhält dann folgende Auskunft: „Dann wissen Sie, dass Zweijährige sich im Zentrum de Welt sehen, alle Aufmerksamkeit brauchen. Fünfjährige sind schon halbwegs vernünftig. Nummer 45 ist immer noch zwei Jahre alt, in Windeln, den Löffel gegen den Hochstuhl hämmernd. Wir sehen einem Kranken zu.“

Don’t tell me facts
In einem Interview mit dem Branchenmagazin „Journalist*in“ (05/20) bekennt sich Marietta Slomka zur boulevardesken Leichtigkeit: „Auch ein politisches Interview darf entertaining sein.“ Sie findet sich selbst ziemlich gut, „weil ich immer den widersprechenden Hut aufhabe“. Sie sagt: „Ich bereite jedes Gespräch so lange und gründlich wie möglich vor.“ Offenbar ist es aber nicht immer möglich, denn das Gabriel-Interview zur Mitgliederbefragung der SPD, für das sie bis heute von interessierter Seite gelobt wird, spiegelte eigentlich einen ganz anderen, unjournalistischen Grundsatz wider: „Don't tell me facts, I've made up my mind!“

Einer von gestern
Josef Dörr hält sich laut Selbstauskunft im Landtagshandbuch selbst für einen Wissenschaftler. Der AfD-Fraktionsvorsitzende ist aber in Wahrheit ein Ignorant. Vor der Landespressekonferenz sagte er am 15.6.2020: „‘Rasse‘ steht im Grundgesetz drin, weil es Rassen gibt. Und niemand soll durch seine Rasse einen Nachteil haben; daher ist es auch ausdrücklich so geschrieben und sollte nicht gestrichen werden.“ Dem Mann sei die von Wissenschaftlern verbreitete „Jenaer Erklärung“ (2019) empfohlen. „Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung“, heißt es darin. Und weiter: „Die Verknüpfung von Merkmalen wie der Hautfarbe mit Eigenschaften oder gar angeblich genetisch fixierten Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensweisen, wie sie in der Blütezeit des anthropologischen Rassismus verwendet wurden, ist inzwischen eindeutig widerlegt. Diese Argumentation heute noch als angeblich wissenschaftlich zu verwenden, ist falsch und niederträchtig.“
 

 

Zum Thema "Einer von gestern": Beim Heimattag 1937 in Homburg gehörte die rassistische Verhöhnung von Juden zu den Attraktionen. "Gute Reise!" grölte die Menge, als die verkleidete Fußgruppe vorbeimarschierte. Das Bild ist einer Publikation der "Aktion 3. Welt Saar" entnommen.
Broschüre im pdf-Format

Zum Thema "Don't tell me facts": Marietta Slomka findet sich selbst ziemlich gut.
Foto: Stefanie Loos, re:publica, commons.wikimedia.org [Ausschnitt]